Schluss mit Vorurteilen: "Im Land von Blut und Idioten!"

Berlin, 24.02.2011 (ZSD) - Angesichts der vermehrten negativen Medienpräsenz des serbischen Volkes in deutschen und österreichischen Medien in der letzten Zeit, wendet sich der Zentralrat der Serben in Deutschland (ZSD) an Politikverantwortliche, Programplaner und Programmacher, migrationspolitische Sprecher der Parteien, die Landesmigrationsbeauftragten sowie Medien mit einem offenen Brief.

Er fordert mehr Sensibilität im Umgang mit sterotypen Vorurteilen gegenüber Migranten. Die gestrige Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt in Deutschland zeigte in eindruksvoller Weise einmal mehr, dass hinter den vordergründlichen Schlagzeilen der Medien, menschliche Schicksale stehen, welche von der Öffentlichkeit ignoriert und nicht ernstgenommen werden. Menschen mit "Migrationshintergrund" werden in Deutschland in Schubladen gehandelt. Und es tut (ihnen) weh!

Wir geben den offenen Brief des ZSD hier im Wortlaut wieder:

Berlin, 24.02.2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Darf man die Mitglieder einer Volksgruppe so radikal als gefühllos mordende Bestien darstellen?“, fragten sich viele Zuschauer der letzten Fernsehkrimiserie “Tatort: Kein Entkommen“ ausgestrahlt am 05.02.2012 im ARD und ORF2.

Die Gewalt ist allgegenwärtig – sowohl physisch und als verbal. Der "Tatort" attestiert den Serben in Wien pauschal die Neigung zur exzessiven Brutalität. Eine deutsche Zeitschrift preist die Serie als „Tagestip“ an und bemerkt: „Leichenreich und heftig. Darauf einen Sliwowitz!“ Eine andere schreibt in ihrer Programmanzeige: „Spannend! – vor allem dank gruseliger Milieuzeichnung der serbischen Gemeinde in Wien. Deren Darstellung provoziert Ängste und bestätigt Vorurteile – zu Recht? Zu Unrecht?“. In einer andere deutschen Fernsehzeitschrift kann man lesen: „Skandal: die Mörder sind unter uns!“. Die „Tschuschen“ (verächtliche Bezeichnung in Österreich für slawische oder südosteuropäischen Völker) sind in diesem Film frauenfeindlich und homophob. Acht Millionen in Deutschland und rund einer Million Zuschauern in Österreich (Mediadaten vom 06.02.2012) wurde an diesem Sonntagabend ein generelles Bild „des gewaltbereiten, verbrecherischen Serben“ vermittelt.

Nach der Fernsehserie „The Zone of Separation“, dem Drama „Grbavica“, dem Thriller „Springbreak in Bosnia“ , dem Aktionfilm „Im Fadenkreuz - Allein gegen alle“, dem Kriegsdrama „Sturm“ und dem Regiedebut von Angelina Jolie an den diesjährigen Berliner Filmfestspielen mit der Kriegstragödie „Im Land von Blut und Honig“, erlebten die deutschen Zuschauer den hoffentlich letzten Film- und Fernsehhöhepunkt, welcher als Handlungsrahmen den Krieg im auseinanderbrechenden Jugoslawien wählte. Auch John Travolta ist, wie man hört, zur Stunde in Bosnien und Herzegowina unterwegs, um Stoff für seinen neuen Aktionfilm „Killing Season“ zu sammeln.

"Die Serben" sind in diesen Produktionen durchweg bewaffnet und Täter und „die Anderen“ stets unbewaffnet und Opfer.

Obwohl die meisten Menschen in Deutschland den Krieg im früheren Jugoslawien offensichtlich verdrägt haben und sich für ihn kaum mehr interessieren, ist die starke Medienpräsenz des Themas in den deutschen Medien erstaunlich. Zufall?

Der Zentralrat der Serben in Deutschland (ZSD) protestiert gegen eine solche undifferenzierte und durchweg negative Darstellung des serbischen Volkes, auch der serbischen Einwanderer, in den deutschen Medien.

Es ist bemerkenswert, dass zwanzig Jahre nach Kriegsausbruch im früheren Jugoslawien in der öffentlichen Wahrnehmung der deutschen Gesellschaft das serbische Volk, latent und wie selbstverständlich mit Begriffen wie „Konzetrationslager“, „Eroberungskrieg“ oder „Massenvergewaltigung“ belegt wird. Dabei bedienen sich Filmemachemacher, Journalisten aber auch der einfache Bürger einer für die damalige Zeit übliche Sprache der Kriegspropaganda, welche die Gewaltspirale überhaupt erst auslöste und später flankierte. Diese „Sprachregelung“ ist in Bezug auf das serbische Volk offensichtlich noch immer gültig und wird in der journalistischen Berichterstattung immer wieder aus der Schublade geholt.

Der ZSD verweist darauf, dass die Geschichte über die Sezessionskriege im ehemaligen Jugoslawien noch kein abschließendes Urteil gefällt hat. Geschichtswissenschaftler, Soziologen und Psychologen tun sich schwer mit dem Thema. Mindestens drei verschiedene Geschichtsschreibungen gibt es z.Z. in der Region.

Die oft einseitige Beleuchtung der kriegsauslösenden Umstände verleugnen, dass es eine „Geschichte vor der Geschichte“ gab. Der Krieg im früheren Jugoslawien wird zu meist simplifiziert. Die „bösen Serben“ haben die“ friedfertigen und freiheitsliebenden Slowenen, Kroaten und Bosniaken“ überfallen und wollten sie unterjochen. Dieser Vereinfachung stehen die rund 600.000 Flüchtlinge entgegen, welche zwischen 1991 und 1995 in Serbien Schutz gesucht haben (Angaben des Internationalen Roten Kreuzes in Genf). Vor wem sind diese Menschen aus den Kriegsgebieten in Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, fragt der ZSD, geflohen?

Natürlich vor dem Krieg! Wohl auch vor den zwischen 1991 und 1993 gezählten 83 paramilitärischen Einheiten (Bericht UN Sicherheitsrat) mit bis zu 70.000 frewilligen Kämpfern auf allen Seiten, welche sich zwischen den Fronten tummelten. Darunter eine Unzahl von ausländischen Söldnern: radikale Islamisten, deutsche Neonazis oder russische Nationalisten.

Der Regisseur hätte sich also um „düstere Typen“ auf allen Seiten bedienen können. Zumeist, manche solcher Einheiten von Kriminellen („war lords“) geführt, von Geheimdiensten instruiert und von Regierungen unterstützt wurden. Sie arbeiteten während des Krieges, so weiß man, Hand in Hand miteinander. Sie teilten die Beute, „pflegten Handelsbeziehungen“ und sitzen auch noch nach dem Krieg heute oft in den selben Kneipen und „trinken Sliwowitz“.

Fabian Eder, der Regisseur der benannten Tatort-Fernsehserie hob hervor, dass „sehr genau recherchiert" wurde und daher sein Tatort ein „sehr geerdeter und durchwegs realistischer Film“ sei. Dann hätte er zumindest vermeiden müssen, dass alle serbischen Protagonisten der Tatortserie im „serbischen O-Ton“ einen deutlichen kroatischen Akzent haben.
Sehr lustig für die serbischen Rundfunkgebührenzahler: serbische Kriegsverbrecher mit kroatischem Akzent!

Serben konnten offensichtlich als „Selbstdarsteller“ für diesen Tatort nicht gefunden werden, so konnten Darsteller mit kroatischem Hintergrund „den Serben“ sicherlich realitätsnah und gänzlich vorurteilsfrei mimen.

Warum dieser offene Brief eines Zentralrats der Serben in Deutschland? Und, was hat er mit den Serben in Deutschland und Österreich zu tun?

Einer der kaltblutigsten und gleichwohl primitivsten serbischen Protagonisten der besagten Fernsehserie „Tatort“ ist ein junger Mann, mit dem Namen „Rajko Selic“. Er schnäubt sich die Nase mit Daumen und Zeigefinger ohne Taschentuch und wischt sich den Rotz am Hosenbein ab. Welch eine primitive Gestalt! Zufall?

Der junge Mann soll, laut Drehbuch, 1985 in Österreich geboren sein. Seine Eltern sind Gastarbeiter und Inhaber eines italienischen Restaurants. Bei Kriegsbeginn 1991 war „Rajko“ also kaum sechs Jahre alt. Der eingeweihte serbische Zuschauer fragt sich, woher „Rajko“ seine „Eigenheiten“ her hat und warum er sich nicht als integrierter Nachkomme der zweiten Migrantengeneration die Nase „ganz abendländisch“ mit einem Taschetuch putzt. Oder handelt es sich hier um einen noch nicht erforschten „Verhaltensstandard der serbischen Subkultur in Wien“?

Der ZSD hinterfragt weiterhin, wie viel solcher frustrierter, junger Menschen serbischer Herkunft aus dem früheren Jugoslawien in Deutschland und Österreich aufwuchsen, den Zerfall und die Zerstörung ihrer Heimat (ja auch ihrer!) stumm als Kinder und Jugendliche beobachteten und während dessen eine eigene Identität in ihrer neuen, obwohl feindlich gesinnten, zweiten Heimat haben bilden müssen. Der ZSD fragt sich, wie diese Identität auszusehen vermag und von wem diese geformt wurde? Wie wächst ein junger Mensch auf, wenn über seiner eigenen Volksgruppe ein Stigma schwebt?

Der ZSD verweist darauf, dass seit Konfliktbeginn auf dem Balkan es kaum nennenswerte Auseinandersetzungen zwischen den jugoslawischen Ethnien auf deutschem Boden gegeben hat. Die meisten der rund 600.000 jugoslawischen Gastarbeiter haben den entfachten Krieg als persönliche Tragödie erfahren und waren geschockt. Rund 80% von ihnen haben damals noch die feste Absicht gehabt, nach Jugoslawien zurückkehren (Repräsentative Untersuchung, 1987). Ihre „Kriegsbeteiligung“, von wenigen Ausnahmen abgesehen, war humanitäre Hilfe für das eigene Volk in Milliarden-Höhe.

Der ZSD verurteilt demzufolge die Stigmatisierung der gesamten serbischstämmigen Bevölkerung in Deutschland, welche sich in ihrer über 40-jährigen Einwanderungsgeschichte in Deutschland einen guten Namen als Arbeitskollegen, Nachbarn, Familienmitglieder, ja als Bürger dieses Landes, erarbeitet und verdient haben.

Der ZSD bedauert, dass zu den üblichen Stereotypen im Deutschen Fernsehen, wie “polnische Autodiebe“, “vietnamesische Zigarettenschmuggler“, “türkische Döner-Morde“, „russische Mafia“ sowie „ukrainische Nutten“, sich ein weiteres Stereotyp etablieren vermochte: das der „serbischen Kriegsverbrecher“.

Wir verurteilen dies und weisen auf die Selbstverpflichtungserklärung der deutschen Medienverantwortlichen hin: „Medien können das Verständnis zwischen den verschiedenen politischen, sozialen und ethnischen Gruppierungen fördern und zum Abbau von Vorurteilen beitragen“ (Nationale Integrationsplan, 2007). Dieser Grundsatz wird hier verletzt.

Kaum eine andere Nation in Europa wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten in westeuropäischen Medien und Schriften so oft ins Visier genommen wie die serbische. Bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten Stellungnahmen zu Serbien und den Serben negativ bis ablehnend, häufig von Unkenntnis oder selektiv-einseitiger Wahrnehmung geprägt. Der ZSD fordert deshalb Medienmacher, Programmverantwortliche und Journalisten auf, mehr Sensibilität und Neugier zu entwickeln und vor allem von der Einseitigkeit abzurücken, mit dem das „Thema Balkan“ seit 20 Jahren behandelt wird. Die zuständigen Rundfunkräte werden aufgefordert, hellhörig bei der Bedienung von Stereotypen in ihren Sendern zu werden.

Ein österreichischer Zuschauer hat es in den zahlreichen Internetforen zur Serie „Tatort“ auf den Punkt gebracht. Wir erlauben uns, ihn zu zitieren: “Natürlich, der Krieg (im ehemaligen Jugoslawien, A.d.R.) hat die Menschen extrem verroht. Auch die Brutalität in Österreich hat mit der Öffnung der Grenzen dramatisch zugenommen, wie auch die ökonomischen Unterschiede. Andererseits, wie geht es Menschen, die in Wien aufgewachsen sind und die typischen optischen Merkmale besitzen, die im Film bis zum Erbrechen betont wurden? Entwurzelt, verhaltensauffällig in der Schule und katastrophale Berufsaussichten treiben viele immer häufiger in Glücksspiel und Kriminalität. Wenn wir diesen Menschen keine realistische Perspektive bieten, erzeugen wir genau so eine Subkultur!“

DER BUNDESVORSTAND




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